Zum Orchesterkonzert am 26. März 2022

Ausgangspunkt für die ungewöhnliche Programmzusammenstellung des heutigen Abends war mein Wunsch,
das berühmte Konzert für Orgel, Streicher und Pauken von Francis Poulenc zusammen mit meinem
ehemaligen Lehrer Prof. Edgar Krapp an der Orgel und den Münchner Bachsolisten in einer großen
Streicherbesetzung aufzuführen. Von dieser extravaganten Besetzung ausgehend ergaben sich weitere
Ideen. Das Kirchenjahr betrachtend befinden wir uns am Vorabend des Passionssonntages „Laetare“, der
innerhalb der Fastenzeit besonders die bevorstehende Osterfreude betont. So ist es an diesem Wochenende
durchaus angemessen, nicht nur ernste Klänge zu musizieren. Dennoch können wir die belastenden Themen
unserer Tage nicht ausblenden, wir wollen auch Ihnen durch Musik begegnen.
In Salzburg gehörte es zum guten Ton, sich zum Namenstag eine Serenade zu bestellen – vorausgesetzt,
man gehörte dem Adel oder dem reichen Bürgertum an. Üblicherweise begann sie mit einem Marsch. Ein
Menuett, in Verbindung mit einem Trio, bildete den Tanzsatz, daneben waren ein Allegro und Adagio
gewünscht, meist auch ein Rondo. Mozarts „Serenata notturna“ ist dementsprechend eine etwas verkürzte
„Nachtmusik“. „Serenata notturna“ ist begrifflich nicht verdoppelnd, Serenata stammt von „sereno“ ab, das
einen heiteren, wolkenlosen Himmel bezeichnet – ideale Voraussetzung für eine Freiluftmusik. Mozart
komponierte sein Werk 1776 für den Salzburger Fasching. Wie ein Faschingsscherz wirkt auch die Besetzung:
Streicher mit Pauken. Da Pauken damals wie heute eigentlich nur in Verbindung mit Blechbläsern
instrumentiert wurden und werden, war die eigenwillige Wirkung vorprogrammiert . Mozart teilte zudem
das Streichorchester nach Art eines barocken Concerto grosso in Soli und Ripieni. Zwei Soloviolinen, eine
Solobratsche und ungewöhnlicherweise ein Kontrabasssolist stehen dem „Tutti“ gegenüber – ein höchst
originelles und spritziges Werk des damals 20-jährigen Mozart.
Das folgende berühmte Adagio g-Moll, das allgemein nur unter dem Begriff „Albinoni-Adagio“ bekannt
ist, ist eigentlich eine 1958 von dem italienischen Musikwissenschaftler und Komponisten Remo
Giazotto herausgegebene, angeblich auf Fragmenten Tomaso Albinonis basierende Komposition
für Streicher und Orgel. Es gehört heute zu den populärsten Werken der klassischen Musik. Für das
Publikum ist die atmosphärische Wirkung des Stückes entscheidend, nicht die Frage nach dem eigentlichen
Komponisten. Zu diesem Thema wurden jahrelange musikwissenschaftliche Untersuchungen bemüht, die
jedoch zu keinem eindeutigen Ergebnis führten. Giazotto selbst trug wenig dazu bei, so dass man heute
weitestgehend der Ansicht ist, das Werk stamme ausschließlich von Giazotto. Seine Beweggründe
verbleiben im Dunkeln…
2022 erinnern wir in vielen Konzerten, in besonderer Weise sicherlich in zahlreichen Orgelkonzerten an den
200. Geburtstag von César Franck. Seine Orgelwerke ragen aus dem großen Reichtum der Orgelmusik des
19. Jahrhunderts durch ihre große Ausdruckskraft und tiefe Empfindung heraus. Francks unverwechselbare
Harmonik, seine wunderbaren melodischen Schöpfungen in Verbindung mit einer klaren Klangvorstellung
auf der Orgel erzeugen eine ganz eigene atmosphärische Welt. César Francks „Trois Chorals“ entstanden im
Todesjahr des Komponisten 1890 und zählen zu seinen letzten abgeschlossenen Werken. Der Begriff Choral
bezieht sich in diesem Fall nicht auf eine gregorianische Vorlage oder ein Kirchenlied, es ist laut Franck ein
„Choral in freier Form“. Der Choral in a-Moll ist vielleicht der populärste unter den dreien geworden. Er ist
zunächst von einer toccatenartigen Spielfigur geprägt, bevor der Choral einsetzt. In der Mitte des Werkes
steht eine ausdrucksvolle Cantilene, die dem Oboenregister der Orgel zukommt. Nach intensiver Steigerung
und dem Zusammenführen von Toccatamotiv und Choral findet das großartige Werk einen überwältigenden
Abschluss.
Samuel Barber griff bei der Komposition des „Adagio for Strings“ 1938 auf den zweiten Satz seines
Streichquartetts op. 11 zurück, das er 1936 während eines Studienaufenthalts
am Wolfgangsee bei Salzburg komponierte. Die Uraufführung der Fassung für Streichorchester
fand 1938 unter Arturo Toscanini in New York statt, später erstellte Barber aufgrund des großen Erfolges
eine Fassung für achtstimmigen Chor mit dem Text des „Agnus Dei“. Das Werk gilt als Samuel Barbers
populärste Komposition. Er selbst bedauerte, als Komponist nur durch dieses eine Stück Aufmerksamkeit
erlangen zu können und sah sein Gesamtwerk dadurch nicht angemessen gewürdigt. Es ist jedoch
zweifellos so, dass ihm hier ein Werk gelungen ist, das wie kaum ein anderes Musikstück tiefen Ernst,
meditative Nachdenklichkeit, ja Trauer und Verzweiflung transportiert in einem Maß, dem sich auch ein
ungeübter Musikhörer nicht entziehen kann. Der dementsprechende Einsatz in zahlreichen Filmen, bei
prominenten Beisetzungen und Gedenkfeiern ist geradezu folgerichtig. Gerade in unserer Zeit, in der die
Ängste der Pandemie noch nicht vorüber sind und uns unbegreifliche, erschütternde Kriegsbilder treffen,
erfasst uns diese singuläre Musik in ganz besonderer Weise.
Das Orgelkonzert von Francis Poulenc entstand im Jahr 1938. In dieser Zeit war es durchaus ungewöhnlich,
ein Konzert für Orgel und Orchester zu schreiben, lag die Blüte dieses Genres doch im Barockzeitalter. Die
Hommage an den größten Vertreter dieser Epoche, Johann Sebastian Bach, ist durch den an die g-MollFantasie BWV 542 angelehnten Beginn sofort hörbar. Und die letzten Takte des Werkes rufen beim Hörer den
Beginn der berühmten d-Moll-Toccata hervor. Poulenc war mit der großen französischen Orgeltradition
bestens vertraut und ging davon aus, die klanglichen und technischen Möglichkeiten einer modernen Orgel
voll auszuschöpfen. Durch die reizvolle und kluge Besetzung des Orchesters (Streicher und Pauken) gab er
der Orgel ganz bewusst die Möglichkeit, nicht nur als Soloinstrument zu fungieren, sondern auch im
Zusammenklang mit den Streichern die Bläser zu ersetzen – ein großartiger und innovativer Einfall
Poulencs, der von nachfolgenden Komponisten aufgenommen wurde (z. B. Max Baumann). Das Konzert
besteht aus einem großen Satz, welcher sich in mehrere kleinere Abschnitte gliedert. Es wurde 1939
mit Maurice Duruflé an der Orgel in Paris uraufgeführt und gehört heute zu den meistgespielten Werken
Poulencs . Es lebt von der ungeheuren Fantasie des Komponisten, den vielfältigen Nuancen und
kontrastierenden Ausdruckswelten, dem großen Spannungsbogen und der nie versiegenden Lebendigkeit –
ein Meisterwerk der Musikgeschichte.
Die Musik des heutigen Abends führt uns durch eine ganze Welt von Stimmungen und Empfindungen. Musik
kann humorvoll und heiter, aber auch ernst und dunkel sein. Sie belebt uns, sie tröstet uns und sie gibt uns
Kraft für die Themen unserer Tage. Das wünsche ich Ihnen und uns allen am heutigen Abend.
Wieland Hofmann

Start typing and press Enter to search

Shopping Cart